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Erfahrungen und Zwischenergebnisse 2003

  • Über 70% der Mädchen mit denen wir gearbeitet haben sind Mädchen mit Migrationshintergrund.
  • Viele Mädchen erzählen ihren Müttern als eine der ersten Personen, direkt oder indirekt von erlebten übergriffen.
  • Rassistische, fremdenfeindliche Vorurteile und Übergriffe finden fast in allen sozialen Bereichen statt, in denen MigrantInnen sich außerhalb der Familie aufhalten.
  • Schon im Grundschulalter beherrschen Kinder fremdenfeindliche Vorurteile bis hin zu rassistischen ideologischen Konstruktionen, um MigrantInnen auszugrenzen und vereinzelt auf verschiedene Arten gewalttätig gegen sie zu werden.
  • Es gibt einen Bedarf bei Multiplikatorinnen gegen alltägliche Fremdenfeindlichkeit und Gewalttätigkeiten bei Kindern und Jugendlichen vorzugehen. Die Intervention ist meist moralisch begründet und erzielt oft nicht das gewünschte Ergebnis. Es gibt aber bisher wenig praxisorientierte Methoden, auf die zurückgegriffen werden kann, um bei rassistische Übergriffen und Ausgrenzungen qualifiziert zu intervenieren.

 

 

Aktivitäten 2003

  • Vernetzung
    Es wird mit verschiedenen sozialen Einrichtungen im Stadtteil Kontakt aufgenommen und das Projekt vorgestellt. Dabei suchen wir Multiplikator/Innen, die an einer geschlechtsspezifischen antirassistischen Gewaltprävention und aktiver Intervention bei fremdenfeindlichen Übergriffen in ihren Einrichtungen interessiert sind. Die Resonanz auf die bisherige Projektvorstellung war überwiegend positiv und es haben sich unterschiedliche Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit herausgebildet.
  • Gewaltpräventionskurse
    haben den Schwerpunkt der Gewaltprävention. Sie werden zusammen mit einer WenDo Trainerin durchgeführt. Dazu haben wir pädagogische Arbeitshilfen mit Blick auf geschlechtsspezifischer Fremdenfeindlichkeit entwickelt. Diese Arbeitshilfen werden in den Mädchenkursen angewendet und weiterentwickelt. An den Kursen nehmen Mädchen aller Nationalitäten teil. Den größten Anteil haben Mädchen aus bi-nationalen Ehen oder mit allein erziehendem Elternteil mit verschiedenen Migrationshintergründen. Eine weitere große Gruppe sind Einwanderinnen der 2.Generation aus der Türkei oder dem ehemaligen Jugoslawien. Die dritte Gruppe sind Mädchen aus Flüchtlingsfamilien aus dem Iran, Afghanistan und verschiedenen afrikanischen Staaten.
  • Intervention -Nachbetreuung der Mädchenkurse
    Im Anschluss an die Kurse sind Streitschlichtungs- oder Beratungsgespräche vorgesehen, die eine Umsetzung der Kursinhalte im Alltag` fördern und unterstützen. Lösungsmöglichkeiten und Vereinbarungen, die dabei getroffen werden, werden durch Multiplikator/Innen im Umfeld der Mädchen kontrolliert.Die Mädchensprechstunde in den Räumen des Giesinger Mädchen-Treffs bietet einmal in der Woche die Anlaufstelle, Beratung, Gesprächs- und Aktions- Forum für Mädchen aus den Kursen. Dabei wurden in Rollenspielen und im Erfahrungsaustausch Gegenstrategien gesucht gegen sexualisierte Übergriffe durch fremde Männer und durch gleichaltrige Jungen in der Schule. Das Vertrauen eine Lehrer/In zur Unterstützung einzubeziehen war bei den Mädchen nicht vorhanden. Zahlreiche Streitschlichtungsgespräche wurden ausschließlich innerhalb von Mädchengruppen geführt. Themen waren: Gewalt als Mittel sich durch zu setzen , Respektieren von Schwächeren und das Ausgrenzen von anderen, um selber Vorteile zu haben. Es wurden Kurzfilme zum Thema streiten` gedreht und anderen Mädchen vorgeführt. Den Mädchen wurde über diese Auseinandersetzung mit Eigenbild-/Fremdbildwahrnehmung und der Möglichkeit zur Selbstbeobachtung im Film, eine Reflektion des eigenen Streitverhaltens ermöglicht. Mehrere Mädchen berichteten über sexuelle Übergriffe in einem Imbiss im Viertel. Auf ihren Wunsch hin haben wir es übernommen, den Pädokriminellen persönlich mit seinem Verhalten zu konfrontieren. Die Mädchen wünschten sich für den weiteren Verlauf Unterstützung für ihren Schutz und eine Bestrafung für den Täter. Um das entsprechende Hilfenetz für die betroffenen Mädchen zu installieren, wurden mehrere Treffen mit den Müttern und der Jugendpolizei organisiert. Zur Unterstützung der Mütter wurde eine Rechtsanwältin hinzugezogen. Die Jugendpolizei erstattete Anzeige gegen den Täter, er kam vorübergehend mehrere Tage in Untersuchungshaft, das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen. Zum Schutz der Mädchen vor dem Täter haben einige Mütter eine einstweilige Verfügung nach dem Gewaltschutzgesetz eingereicht. Der weitere Verlauf wird weiterhin beobachtet und nach Bedarf betreut.

 

 

2002

Mädchen verbinden einen Großteil ihrer Erfahrungen mit Jungen damit, von ihnen geärgert oder geschlagen zu werden. Von verbalen Attacken über Anrempeln bis zum Begrapschen sind alle Formen von Gewalt schon gegenüber jüngeren Mädchen vertreten. Diesen körperlichen oder seelischen Übergriffen wird oft der Gewaltcharakter abgesprochen. Sie sind sozial und kulturell in dem Verhältnis der Geschlechter verankert. Es gibt kein Mädchen, das nicht immer wieder Übergriffe seitens der Jungen auf dem Schulhof und sogar im Klassenzimmer erlebt. Verstärkend hinzu kommt oft die Erfahrung, dass sie keine Unterstützung bei den Erwachsenen finden. Da heißt es dann, daß es doch gar nicht so schlimm ist oder daß sie selbst schuld daran sind. Bald stellt sich Resignation ein und je älter die Mädchen werden, um so weniger stehen sie zu ihrer Wut und zu ihrem Ärger.

In unseren Kursen werden Mädchen darin unterstützt, ihre Gefühle wieder ernst zu nehmen und auszudrücken, eigene Grenzen zu schützen und zu verteidigen. Als Handlungsstrategien bieten sich auch Solidarität unter den Mädchen und das Einfordern von Hilfe der Erwachsenen an.

Weil auf Ihren Bedarf an Unterstützung oft nicht angemessen reagiert wird, ist es notwendig, mit den PädagogInnen in Kindertagesstätten, Schulen und Freizeiteinrichtungen ein Netzwerk aufzubauen, um den Bedürfnissen der Mädchen gerecht zu werden. Dazu gehört eine Sensibilisierung und entsprechende Kompetenzvermittlung an die zuständigen MultiplikatorInnen.

Soweit dies im Rahmen unseres Etats möglich war, haben wir Ansätze dazu in Kooperation mit einer Kindertagesstätte entwickelt. Dabei stießen wir allerdings bald an die Grenzen unserer Kapazitäten. Für den Aufbau des angestrebten Netzwerkes bedarf es personeller und finanzieller Ressourcen, über die wir nicht verfügen.

In der Reflexion dieses Arbeitsschwerpunktes wies uns unsere Trägerin auf eine Ausschreibung des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hin, Programm "Entimon - gemeinsam gegen Gewalt und Rechtsextremismus". Mit unserem im Stadtteil verankerten Gewaltpräventionskonzept konnten wir uns erfolgreich um eine Förderung bewerben. Das Projekt wird voraussichtlich für die höchstmögliche Dauer von 3 Jahren gefördert. Leider wurde es zum Jahresende von einer mehrmonatigen planungsunsicheren Phase unterbrochen, weil, abhängig vom Bundeshaushalt, die Weiterführung erst nach der Konsolidierung der Bundesregierung und der Verabschiedung des Haushalt sichergestellt ist.

Mit dem Fokus auf geschlechtsspezifischer Fremdenfeindlichkeit und Antirassismus können wir im Rahmen dieses Projekts unsere bisherigen Ansätze der Gewaltprävention für Mädchen im Stadtteil weiterentwickeln.